Im konstruktiven Ingenieurbau wird, anders als in der Architektur, die Frage nach einem "Stil" oder einer "persönlichen Handschrift" nicht gestellt - wenn sie überhaupt zugelassen wird: allzu stark haftet dem Ingenieurwesen die Wesensart der Unabhängigkeit von Person und Gesellschaft, aber auch der Einschränkung durch die vermeintlich dominierende Objektivität an.
Diese Arbeit begibt sich auf die Suche nach dem Subjektiven im konstruktiven Ingenieurbau. Ausgangspunkt hierfür sind Einzelbauwerke, deren Eigenständigkeit eine deutlich erkennbare Verbindung zwischen Bauwerk und Entwurfsautor herstellt. Voraussetzung für deren systematische Analyse mit dem gesetzten Schwerpunkt ist die Öffnung der klassischen Ingenieurwissenschaften für die Methoden der gestaltbildenden Disziplinen, bei denen die Koexistenz mehrerer Lösungen, welche unter bestimmten Aspekten gleichwertig sein können, so alltäglich ist wie damit verbundene subjektive Setzungen im Sinne nicht objektivierbarer Entscheidungen. Gleichzeitig sind die "objektiven" rechnerisch-quantitativen Verfahren der Strukturbewertung und -optimierung ein wesentliches, auf objektiven Daten basierendes, Werkzeug für die vergleichende Analyse.
Der Entwurf einer Kategorisierung des konstruktiven Ingenieurbaus im 20. Jahrhunderts anhand von herausragenden Beispielen großer Eigenständigkeit, der das Forschungsfeld der vorliegenden Arbeit aufspannt, bietet einen Überblick über Entwurfsobjekte, anhand derer die Suche nach subjektiven Parametern im Vergleich objektiv gleichwertiger Bauwerke durchgeführt werden kann.
Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in der detaillierten Analyse einzelner Beispiele, die anhand der aus statisch-konstruktiver Sicht gestellten Entwurfsaufgabe zusammengefasst werden. Damit wird es ermöglicht, die subjektive, singuläre Haltung des Entwurfsautors von den objektiv zu treffenden Entscheidungen zu lösen und die subjektive Entwurfshaltung herauszukondensieren. Methoden der Bewertung und Optimierung werden eingesetzt, um Entwurfsspielräume aufzuzeigen, innerhalb derer objektiv gleichwertige Entwurfsergebnisse erzeugt werden können.
Ziel der Arbeit ist es, das Ingenieurwesen für die Integration ästhetischer, subjektiver, singulärer Entwurfsentscheidungen zu sensibilisieren und zu öffnen. Die Analysen dieser Arbeit zeigen, dass der Ingenieurbau die subjektive Entwurfsentscheidung im Rahmen objektiv gleichwertiger Entwurfsergebnisse nicht nur akzeptieren und zulassen sollte, sondern dass der Ingenieurbau diese bei der Anstrebung von ganzheitlich optimierten, den Anforderungen der Nachhaltigkeit verpflichteten Kriterien geradezu erfordert. Demensprechend sollte die Ausbildung, die alltägliche Tätigkeit und die Forschung der Ingenieure das Entwerfen grundlegend in ihr Berufsbild integrieren.
Entwurfsstrategien. Formentwicklungskonzepte im konstruktiven Ingenieurbau des 20. Jahrhunderts.
Dissertation, Universität Stuttgart 2009